Das Verhältnis von Tiger und Drachen


 Hatori    07.05.2019 - 13:36

Der Tiger (Omote) und der Drache (Ura) müssen eine Einheit bilden, ein Team, in dem der Drache das Sagen hat.

TigerunddrachenImmer wieder sehe ich Leute, die eine Top-Bewegungsfolge bei der Sanshin no Kata laufen, die den Kihon Happo super beherrschen - wenn man nur auf die Bewegungsabläufe schaut. Sobald jedoch Uke etwas anders macht, sich so bewegt, wie es ein realer Gegner tun würde (ansatzweise), dann ist auch schon vorbei mit dem "Können". Nichts klappt mehr, keine Hebel greifen, keine Schläge treffen. Das ist Niveau von 9., vielleicht auch noch 8. Kyus, ab dem 7. Kyu erwarte ich von einem Schüler, dass er sich eben nicht mehr an Bewegungsfolgen festbeisst, er muss die Prinzipien verstanden haben. Denn erst dann wird eine Technik effektiv.

Den Tiger zu lernen, das ist leicht, denn dabei kann der Lehrer helfen, dafür ist er in erster Linie da. Der Tiger - das sind unsere Techniken, die Formen ... alles Körperliche. Der Tiger ist stark, er ist ein Kämpfer. Allerdings hat er ein großes Problem: Sein Gehirn schaltet ab, sobald er in den Kampf geht. Er kämpft mit der puren Kraft seiner Muskeln. Für ihn zählt dann nur noch töten oder getötet werden, Gnade kennt er nicht.

Und da kommt der Drache ins Spiel. Auch er ist stark, aber er benutzt sein Gehirn. Er analysiert die Situation, sucht nach verschiedenen Möglichkeiten, die Situation zu seinen Gunsten zu verändern, versucht den Angreifer zu beeinflussen. Dies alles tut er ohne Anspannung, ohne eine Bedrohung auszustrahlen. Und erst wenn sich gar nichts anderes findet, lockert er die Kette an der er den Tiger führt und lässt diesen kämpfen. Doch sobald er sieht, der Tiger hat seinen Job getan, mehr ist nicht nötig, zieht er den Tiger wieder aus dem Kampf heraus, ob der nun will oder nicht. Er schützt damit nicht nur den Tiger sondern auch den Gegner - "Zerstöre die Kraft Deines Gegners, aber töte ihn nicht." Nagato Sensei. Ich füge aus meiner Sicht noch hinzu: "und demütige ihn nicht". Ein besiegter Gegner respektiert Dich (meistens, Garantien gibt es dafür nicht), eine gedemütigter Gegner hasst Dich (darauf gebe ich eine Garantie). In letzterem Fall lass Dir Augen im Hinterkopf wachsen.

Der Drache ist Euer Inneres - und den zu lernen, das ist Euer Ding. Der Lehrer kann Euch Türen zeigen, aber Ihr müsst diese auch nutzen und durchgehen. Bei den Techniken kann der Lehrer an jeder Stelle eingreifen und korrigieren. Die Prinzipien, die Euch jede Form beibringen will, die müsst Ihr aber allein erkennen und verstehen. Natürlich wird der Lehrer das Prinzip erklären, aber eine Erklärung hören und sie auch verstehen, das sind zwei völlig verschiedene Dinge.

Nehmen wir als Beispiel nur die Sanshin no Kata. Jede der fünf Formen besteht aus drei (san) Abschnitten: Ausweichen (nicht bei Chi), blocken oder aufnehmen, Gegenangriff. Nicht schwer, rein körperlich kann man das nach einigen Wiederholungen problemlos nachmachen. Natürlich, die Sicherheit in den Bewegungen muss vorhanden sein, doch das ist nur der erste, leichteste Schritt. Denn dann kommt das, was man nicht sehen kann - Atmung, Absicht, Haltung, Kontrolle (über den Gegner, aber auch über sich selbst). Jeder der drei Abschnitte muss dem Angreifer vermitteln, dass es für seine Gesundheit besser wäre, wenn er sich schnellstens aus dem Angriff zurückzieht. Dabei spielt Euer Körper natürlich eine Rolle, entscheidend ist jedoch die Energie, die Ihr ausstrahlt.

Und genau da fehlt es bei so vielen. Entweder sie zeigen die Formen so, dass man als Zuschauer das Gefühl hat, sie sind nur gelangweilt oder sie verkrampfen vollkommen in dem Bestreben, alles besonders gut zu machen. Immer gut zu sehen bei der Ka no Kata. Schon die Ausgangsposition (Jumonji no Kamae) bringt mich oft zum Lachen (innerlich versteht sich, das werde ich keinem Schüler offen zeigen). Da ist nichts - vor allem keine Energie. Wenn jemand in Jumonji no Kamae geht, muss er den unbedingten Willen ausstrahlen, den Angreifer auch umzuhauen. Kann der Angreifer diesen Willen, diese Energie spüren, wird er sich an dieser Stelle schon das erste Mal die Frage stellen, ob es wirklich eine gute Idee ist, anzugreifen. Tut er es dennoch und greift an, wird er Schmerzen haben. Der Block und der Gegenschlag müssen ihn körperlich durchschütteln, seine Energie muss völlig verschwunden sein. Nun kann jemand kommen und sagen, das wäre brutal. Ja, ist es, aber nur einmal. Führt man die Abwehr und den Gegenangriff nicht konsequent mit der Absicht, den Kampf damit sofort zu beenden, dann muss man unter Umständen einem zweiten Angriff standhalten - und wieder muss man den Angreifer schlagen, treten, hebeln ... was auch immer. Die Gefahr, ihn dabei weit stärker zu schädigen, zu verletzen, steigt jedesmal. Ist das nicht viel brutaler?

Auch wenn der Tiger den körperlichen Kampf führt, so beeinflusst ihn der Drache durch seine Energie ganz genauso. Der Tiger oder der Drache jeder für sich, sind für erfahrene, geübte, starke Kämpfer relativ leichte Beute. Aber beide im Zusammenspiel sind kaum zu überwinden.

Den Tiger trainiert Ihr im Training unter Anleitung Eures Lehrers. Den Drachen jedoch, den müsst Ihr täglich selbst trainieren, 24 Stunden am Tag, in jeder Situation kann man das tun. Grundlage ist die richtige Atmung, damit bringt man den Drachen in die Stimmung, in der man ihn braucht.
Vielleicht lest Ihr unter diesen Gesichtspunkten nochmal meine Technikanleitung zur Sanshin no Kata.