Die sieben Säulen des Bushido


 Hatori    01.10.2019 - 11:23
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Die Grundpfeiler für jeden Krieger

Das es den Bushido als "Ehrenkodex" der Samurai nicht gab und nicht gibt, haben wir bereits in einem anderen Beitrag gelernt. Dennoch gibt es auch heute noch einige Begriffe, die als Grundtugenden jeden Kriegers gelten. Man beachte: Krieger, nicht Kämpfer. Ich werde hier versuchen, die Begriffe der Realität gegenüberzustellen.

1. Respekt
Respekt muss man sich verdienen, mit einem gewissen Grundrespekt sollte man aber jedem Lebewesen - ob Mensch oder Tier - entgegenkommen. Zum Respekt gehört auch, das zu tun, was der Lehrer sagt. Früher wurde nichts davon in Frage gestellt, es wurde getan. Gut, das war bzw. ist (für mich) nicht der richtige Weg. Ich möchte Schüler haben, die alles hinterfragen, denn genau das ist es, was die Gesellschaft (Politik und Wirtschaft) mit allen Mitteln versucht, den Menschen abzugewöhnen.
Hinterfragen heißt aber nicht, den Lehrer bei jeder Gelegenheit herauszufordern. Aber genau das wird immer öfter getan, besonders "beliebt" bei Anfängern, durchaus aber auch bei Fortgeschrittenen zu beobachten. Ständig heißt es "Ich könnte hier aber problemlos entkommen und Dich schlagen." Natürlich könnte er. Wir sind im Dojo um zu lernen. Wir üben langsam und wir beginnen mit der Densho. Langsam heißt, man muss sich nur ein wenig schneller bewegen und man ist raus. Densho heißt, dass die überlieferte Technik auf ganz anderen Grundlagen basiert. Bevor man das nun schnell und angepasst an heutige Verhältnisse machen kann, muss man das Prinzip verstehen, denn nicht mehr und nicht weniger wollen uns die überlieferten Techniken beibringen. Und genau das verstehen viele nicht, alles gleich und sofort, Geduld oft völlige Fehlanzeige. Oft genug muss ich mein Herzblut, das ich für jeden Schüler habe, verschwenden und ihm durch Schmerzen zu verstehen geben, dass es sehr wohl funktioniert. Der Schüler zwingt mich durch seine Respektlosigkeit selbst auch respektlos zu werden und ihm (völlig unnötigen) Schmerz zuzufügen.
Dazu kommen dann die ständigen Kleinigkeiten: Reden, dumme Sprüche, Kommandos ignorieren usw. Spaß und lachen gehört unbedingt ins Training, aber immer an den passenden Stellen. Ja, je länger ein Schüler dabei ist, desto weniger neigt er zur Respektlosigkeit, aber die wenigsten sind in der Lage, sie ganz abzulegen.

2. Ehrlichkeit
Ein Wort, das viele heute kaum buchstabieren können. Was habe ich nicht schon alles für Lügen gehört, wenn Schüler keine Lust auf Training hatten, ehrlich, Münchhausen war ein Waisenknabe dagegen. Warum geht man nicht einfach zum Lehrer und sagt ihm, wie es ist. Ob man nun lieber mal zu einer Party gehen will, im Sommer lieber an den See als zum Training, es einem im Winter einfach zu kalt ist um sich noch vor die Tür zu begeben. Natürlich wird der Lehrer nicht unbedingt begeistert sein, aber er wird Verständnis haben. Wenn er aber hinterher die Lügen, die man ihm aufgetischt hat, entlarvt, dann muss sich niemand wundern, wenn er sauer wird. Und das sind nur die kleinen Lügen unter uns, gern als Notlügen verniedlicht und entschuldigt, dennoch sind es Lügen. Von den großen Lügen der aktuellen Weltsituation reden wir gar nicht erst.

3. Mut
Unter Mut versteht jeder etwas anderes, laut Definition ist er einfach nur die Überwindung der Angst. Ob das nun einfach eine Spinne ist, die man auf der Hand aus dem Haus trägt oder ob man einem bewaffneten Angriff ins Auge sehen muss. Das Prinzip ist bei beidem dasselbe: Man überwindet eine Abneigung, einen Ekel oder eben auch panische Angst und tut, was getan werden muss.
Leider verstehen manche Menschen darunter auch, mal eben ein schwächeres Opfer zu verprügeln, einen schlafenden Obdachlosen auf einer Bank mit Alkohol zu überschütten und anzuzünden, sich auf öffentlichen Straßen Autorennen zu liefern. Mögliche Folgen sind bekannt, um die geht es gerade nicht. Denn solches Verhalten hat nichts, aber auch gar nichts mit Mut zu tun, das Gegenteil ist der Fall. Mutig ist der, der dem schwächeren Opfer zu Hilfe kommt, das Feuer auf dem Obdachlosen löscht oder auch einfach nur die 110 auf dem Handy wählt, um das Autorennen möglichst schnell zu stoppen. Aber viele Leute schauen lieber weg, immer den Gedanken im Kopf, solange die Idioten mit anderen beschäftigt sind, ist man selbst auf der sicheren Seite. Der Feigling ignoriert den Feigling.

4. Rechtschaffenheit
Nehmen wir das Wort mal auseinander: Recht schaffen. Um Recht zu schaffen, darf man es weder beugen noch selbst Unrecht begehen, auch dann nicht, wenn es dazu dienen soll, eben jenes Recht zu schaffen. Ein Unrecht entschuldigt es nicht, es durch ein weiteres aus der Welt zu schaffen. Der Weg des Rechtschaffenen ist schwer, steinig und von vielen Widerständen übersät. Und viele Menschen sind heute nicht mehr bereit, diesen Weg zu gehen. Sie nehmen, bewusst oder unbewusst, Abkürzungen. Ich hab es nicht so mit der Bibel (ich hab sie trotzdem gelesen) oder der Kirche und Religionen überhaupt. Das Alte Testament war zwar eine super Abenteuergeschichte, aber auch sehr blutig. Es ging um Mord und Totschlag ... und auch Rache. Und genau darauf läuft es heutzutage oft hinaus. Jemandem wurde ein Unrecht zugefügt und er fühlt sich dadurch in das Recht gesetzt, Rache zu üben. Das fängt mit ganz kleinen Nicklichkeiten an und führt bis hin zur Blutrache wie sie auch heute noch z.B. in Albanien praktiziert wird.
Das kann und darf nicht der Weg eines Kriegers sein. Um nochmal die Bibel zu zitieren: "Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst." ... Ja, auch Deine Feinde.

5. Loyalität
Die Loyalität eines Kriegers gilt in erster Linie seiner Familie, das müssen wir nicht weiter erläutern.
Als zweites auf der Liste steht der Klan, heute ist es das Dojo. Unsere historischen Vorfahren wurden in einen Klan hineingeboren und blieben dort ein Leben lang. Natürlich, ein paar schwarze Schafe gab es immer ... aber was heute so abgeht. Ein paar Beispiele gefällig?
"Mein/e neue/r Freund/in ist in dem anderen Dojo, bin dann mal weg."
"Das andere Dojo gefällt mir besser, da muss ich mir auch die Ausrüstung nicht selber kaufen. Sorry, aber ich bin nunmal geizig."
"In dem anderen Dojo kriege ich gleich den 1. Dan."
"Philosophie? Meditation? So'n Sch..., ich will kämpfen lernen und nichts weiter." (Das wäre zumindest ehrlich.)
Nur eine kleine Auswahl, ich hab auch schon härtere Dinger gehört. Und das nur, wenn überhaupt Bescheid gesagt wird, dass man nicht mehr erscheint, viele sind selbst dazu zu feige und verschwinden ohne Worte. Zum Glück sind nicht alle Schüler so, viele wissen noch, was Loyalität bedeutet.
Es gibt ein paar Gründe, das Dojo oder den Lehrer zu wechseln: der Lehrer stirbt, der Schüler verliert das Vertrauen zu seinem Lehrer (hatte ich leider auch einmal), das Dojo wird aufgelöst, der Schüler zieht um.
Alles andere sind Ausreden, scheinheiliges Vorschieben irgendwelcher Gründe um sich selbst persönliche Vorteile zu verschaffen.

6. Ehre
Ehre ist ein äußerst dehnbarer Begriff. Da gibt es Menschen, denen Unrecht getan wurde und die dann der Meinung sind, sie müssten Rache nehmen, wegen ihrer Ehre. Da gibt es Menschen, die erschießen ihre Schwester, weil diese - nach ihrem Dafürhalten - die Familienehre beschmutzt hat. Selbst Blutrache wird gern mit dem Begriff Ehre gerechtfertigt. Mir ist bewusst, dass der Begriff Ehre auch abhängig von der Kultur ist, der man angehört, also verschieden interpretiert wird. Aber mal ehrlich, wir leben nicht mehr im Mittelalter.
Für mich bedeutet ein ehrenhaftes Leben, ein ehrenhafter Weg, einfach nur, die anderen sechs Säulen aufrecht zu halten. Das reicht mir, mehr Ehre brauche ich nicht.

7. Güte
Mit der Güte ist so eine Sache. Nur ein Beispiel von vielen: Wie oft sehe ich, dass Leute einem Obdachlosen ein paar Münzen geben. Das finde ich sehr schön, aber ist das Güte? Ich denke eher, viele wollen damit ihr schlechtes Gewissen beruhigen, sich selbst sagen können, sie haben ihre gute Tat für diesen Tag getan. Natürlich, besser als einfach vorbeizugehen, aber ist das Güte? Ich habe noch niemanden gesehen, der mal stehen bleibt um sich wenigstens kurz mit der Person zu unterhalten, von mal in den Arm nehmen oder sonstwie durch Herzenswärme Trost geben gar nicht zu reden.
Güte muss aus dem Herzen kommen, nicht aus dem Geldbeutel. Es gäbe soviel zu tun in dieser kaputten Gesellschaft, aber man bräuchte ein mitfühlendes Herz, Empathie ... eben Güte. Dafür haben die wenigsten Menschen heute noch Zeit. Dabei wäre vieles so leicht machbar.

Fazit
Die sieben Säulen existieren fast nicht mehr, die vorhandenen Reste bröckeln auch ganz langsam vor sich hin. Und dann wundern sich die Menschen, dass die Welt so ist, wie sie ist. Mich wundert das nicht, absolut gar nicht. Mir ist durchaus bewusst, dass dieser Beitrag einigen Leuten nicht gefallen wird, letztendlich ist mir das egal. Ich will niemandem gefallen, ich will provozieren, Denkanstöße geben. Ändern kann sich nur jeder selbst. Wir Lehrer, ich, sollten damit anfangen. Und dann können wir als Lehrer vielleicht jeden Einzelnen dabei begleiten ... und nicht nur die zwei Stunden im Training. Wir werden bei vielen versagen, wenn jeder von uns es bei EINEM Einzigen schafft, dass er unseren Weg des Kriegertums annimmt, dieser Eine später vielleicht wieder bei einem, dann ist diese Welt vielleicht noch zu retten.

Ihr wisst, was jetzt kommt: Mal drüber nachdenken.