Die Rolle von Uke im Training


 Hatori    13.10.2014 - 13:00

Fünf Dinge, welche viele Trainierenden falsch machen und warum diese Fehler das Training ineffektiv machen.

Ein Artikel von Ferry Perret Gentil auf Facebook

Das Original in englisch findet Ihr unter der angegebenen Facebook-Adresse, meine eigenen Gedanken dazu habe ich unter der Übersetzung notiert.
Dieser Artikel wurde auch in unser Schülerhandbuch aufgenommen.

Wie wohl die meisten wissen werden, bedeutet Uke (受け) "der, der erhält". Der Begriff wird verwendet um denjenigen zu benennen, der beim Üben einer Form den Angreifer darstellen soll. Allerdings wird dabei die Rolle von Uke vielfach nicht korrekt dargestellt und das führt zu Problemen im Training.
Wenn Schüler aus anderen Dojos zu mir zum Training kommen, versuche ich immer, sie zu guten Ukes zu machen und meinen Bewegungen zu widerstehen. Ich versuche ihnen beizubringen, sich auch wirklich wie ein Uke (Angreifer) zu verhalten. Ich denke, jeder Uke hat die moralische Verpflichtung, Tori weiter anzugreifen sobald er eine Lücke in dessen Verteidigung / Technik erkennt und so Tori zu helfen, korrekt zu lernen.
Ich glaube, die Art und Weise, wie sich Uke im Training verhält, hat entscheidenen Einfluss auf die gesamte weitere Entwicklung des Bujinkan. Wegen schlechter Ukes kann schlechte Technik blühen und sich ausbreiten, Lehrer (und Tori) bekommen ein falsches Gefühl der Sicherheit. Ich glaube, gute Ukes sind von entscheidender Bedeutung für die Zukunft des Bujinkan.
Hier also meine Meinung über die Rolle von Uke im Training der neun Ryuha und fünf falsche Vorstellungen von der Rolle, welche unser Training zerstören.

1. Uke ist der Empfänger in der Kata
Während wir im Training den Begriff "Uke" verwenden, wird für den Angreifer in den Densho der Begriff TEKI (敵) verwendet um den Angreifer / Empfänger zu bezeichnen.
Teki bedeutet "Feind" und genau diese Rolle sollte derjenige, der angreift, auch übernehmen, er soll kein Empfänger sein sondern der "Feind". Dies bedeutet, Teki wird alles tun um Tori zu schlagen sobald sich eine Gelegenheit bietet. Teki (Uke) sollte tun, was ihm möglich ist, um Tori zu widerstehen.

2. Ukes Rolle besteht darin, Tori beim Erlernen der Kata zu helfen
Die Grundbedeutung ist wohl richtig, nur wird das Prinzip leider zu oft missverstanden oder gar missbraucht. Der einzige Weg, eine Form korrekt zu erlernen ist der, dass Uke angreift wie Teki, wie ein Feind. Die meisten Ukes attackieren einmal und stehen dann als sanftmütige Opfer in der Gegend rum. Dies hilft Tori nicht beim Lernen, es vermittelt ihm lediglich die Illusion von Sicherheit, er wird die Punkte, die im wahren Leben den Unterschied zwischen (Über)Leben und Tod machen, nicht verstehen und nicht lernen.

3. Uke ist weniger fähig/unerfahrener als Tori
Traditionell in Koryu waren die Ukes erfahrener als die Toris.
Das bedeutet, Uke war jederzeit in der Lage, Mängel, Fehler und Öffnungen in Toris Technik zu finden. Dies wiederum heißt, Uke kann Tori unter Druck setzen und Tori kann realistisch üben. Bei Anfängern wenig Druck, bei Fortgeschrittenen mehr, bei Meistern den vollen Druck. Ukes Job ist es, alle Unzulänglichkeiten ans Licht zu bringen. Im wirklichen Leben ist der Gegner in der Regel stärker und schneller als der Verteidiger. Traditionell kämpften Ninja gegen andere fähige Krieger.
Anzunehmen, der Gegner wäre weniger fähig als man selbst wird dazu führen, dass man verletzt oder getötet wird.

4. Uke sollte entspannt sein und Tori nicht widerstehen
Dies ist ein Mantra, welches in sehr vielen Dojos rund um die Welt zu finden ist und welches maßgeblich dazu beiträgt, unsere schöne Kunst zu zerstören. Wenn Uke keinerlei Widerstand zeigt, wird jeglicher Realismus aus der Form genommen. Im wirklichen Leben wird ein Angreifer (Feind) an jedem Punkt Widerstand leisten, an dem er die Chance dazu erhält. Es gibt eine Zeit, zu der Beginner die Technik ohne/mit wenig Widerstand erlernt. Doch dann kommt die Zeit, zu welcher der Widerstand von Uke Schritt für Schritt erhöht wird. Dies schafft den Druck um sicherzustellen, dass Tori eine Form/Technik auch in der Realität halten und ausführen kann, egal, wie groß der Widerstand auch sein mag.

5. Sobald Ukes Gleichgewicht gebrochen ist, kann Tori tun und lassen, was will
Eines der größten Missverständnisse im Kampfkunsttraining ist es anzunehmen, dass Tori sicher ist, sobald er Ukes Gleichgewicht gebrochen hat. Im Leben wird der Angreifer (Teki - Feind) alles tun um sicherzustellen dass seine Balance nicht gebrochen wird und falls doch, wird er schnellstens versuchen, das Gleichgewicht wieder herzustellen. 99% der Ukes erlauben es widerstandslos, dass ihr Gleichgewicht gebrochen wird und tun auch nichts dafür, es wiederzuerlangen. Sie geben sich und ihre Sicherheit also einfach auf. Dies ist nicht hilfreich für Tori, es fördert lediglich schlechte Gewohnheiten. Und diese schlechten Gewohnheiten könnten sie real das Leben kosten - Uke genau wie Tori.

 
Anmerkungen von mir
Das Problem kenne ich und habe es auch. Für mich liegt eine Ursache darin, dass viele Schüler das Wort Respekt falsch interpretieren, nämlich als Unterwürfigkeit. Das ist nicht richtig - keiner meiner Schüler sollte sich mir oder irgend jemandem unterwerfen.
Ich sehe auch noch einen zweiten Grund: Viele Schüler haben schlicht und ergreifend Angst vor Schmerzen und "ergeben" sich einfach um eben den Schmerz zu vermeiden. Merke: Kampfkunst ist kein Puppenspiel, Schmerzen gehören dazu. Natürlich sind wir keine Masochisten, der Schmerz im Training darf nicht übertrieben werden, aber er sollte die Grenze des Erträglichen durchaus erreichen. In einem realen Kampf, wenn er denn nicht vermieden werden kann, sind Schmerzen durch Treffer des Angreifers auch real und mit einem Treffer muss man immer rechnen, egal, wie "gut" man ist. Dann kann man sich nicht wie ein Axel Schulz in oder unter die Ringseile retten, es gibt sie nämlich nicht. Wunden lecken kann man, wenn man einer gefährlichen Situation entkommen ist, jedoch nicht solange der Kampf noch läuft. Das muss im Training immer im Kopf sein, der Schmerz im Training erhöht die Grenze dessen, was erträglich ist und macht den Kämpfer somit viel fähiger, auch einen "echten" Treffer einfach mal zu ignorieren.
Noch ein Tipp: Schaut Euch bei Youtube mal ein paar Videos von Soke an. Da werdet Ihr sehen, dass keiner von Sokes Ukes ohne den Empfang von Schmerzen von der Matte geht.

zu 1. Obwohl ich diese Ansicht teile, will ich doch unterscheiden zwischen Anfängern, Fortgeschrittenen und Meistern.
Zunächst muss der Schüler den Bewegungsablauf einer Form/Kata lernen. Sobald er diesen allgemeinen Ablauf jedoch drin hat (jetzt gilt er bereits als Fortgeschrittener, das hat nichts mit der Graduierung zu tun), muss er sich die Form erarbeiten. Dazu gehört eben auch, dass ihm jemand zeigt, wo seine Defizite bei der Ausführung liegen. Und wer könnte das besser als Uke? Der Lehrer steht daneben, er sieht viel, aber sicher nicht alles. Uke dagegen hat nicht nur seine Augen um Fehler zu sehen, er hat seinen ganzen Körper um Fehler zu spüren und Lücken zu finden. Dabei muss/soll Uke nicht "kämpfen" als ginge es um sein Leben. Es reicht völlig aus, dass Uke leichte Schläge zu offenen Stellen von Toris Körper setzt, sich bewegt, wenn es ihm möglich ist und so die Technik zunichte macht, wenn sie nicht korrekt ausgeführt wird.

zu 2. Das Problem bei den meisten Ukes fängt schon beim ersten Angriff an. Oft bitte ich den Schüler, der gerade Uke darstellt, mich so anzugreifen, wie er es gerade bei Tori getan hat. Dann wundern sich die meisten, dass ich einfach still stehen bleibe und gar nichts mache. Warum auch? Der Angriff stoppt bereits einen halben Meter vor mir oder es wird bewusst daneben geschlagen/getreten. Ich muss also nichts tun, es erfolgt ja gar kein Angriff. Uke MUSS richtig angreifen, mit dem Willen, einen sauberen Treffer zu landen. Das muss/sollte nicht sehr schnell sein, im Training soll niemand k.o. gehen, aber Distanzen und Winkel müssen stimmen. Passt also schon der Angriff nicht, kann Tori nichts lernen.

zu 3. Ein wichtiger Punkt, über den man gut nachdenken sollte. Warum lernen wir eine Kampfkunst, völlig unabhängig davon, welche es ist? Damit unser Leben sicherer wird, deswegen zumindest lerne ich. Natürlich kommen der Spaß an der Sache, das Interesse an der Tradition, der Umgang mit den historischen (und modernen) Waffen dazu. Aber letztendlich geht es um die eigene Sicherheit. Wenn ich also annehmen würde, jeder Angreifer wäre schwächer, langsamer und dümmer als ich - wofür erlerne ich dann eine Kampfkunst? Genau diese Frage zu beantworten ist die Aufgabe von Uke im Training. Er muss Tori zeigen, dass dieser noch viel zu lernen hat.

zu 4. Ferry trifft hier selbst schon die Unterscheidung zwischen Anfängern und Fortgeschrittenen. Darauf zu achten ist wichtig - für den Lehrer ebenso wie für Uke. Sofortiger voller Widerstand von Uke demotiviert. Ein Anfänger, der ständig bereits schon in der ersten Bewegung einer Form scheitert, sagt sich irgend wann, dass das alles viel zu schwer ist und er es nie lernen wird. Lehrer wie auch Uke müssen ihm Gelegenheit geben, die Bewegungsabläufe zu erlernen. Jedoch die Frage, warum die Abläufe innerhalb einer Form genau so sind, wie sie sind, wird er sich erst beantworten können, wenn er auf adäquaten Widerstand stößt.

zu 5. Hier wird ein Punkt angesprochen, der leider viel zu oft vernachlässigt wird. Vielleicht wird das deutlicher, wenn ich sage: Die Rollen von Tori und Uke wechseln in einem realen Kampf ständig hin und her, sie sind keineswegs festgelegt. Gewöhnt sich Uke also im Training an, alles mit sich machen zu lassen, wird er in einem realen Kampf dasselbe tun - und Schmerzen erleiden, verletzt oder gar getötet werden. Im Moment da der ursprüngliche Tori die Initiative übernimmt, wird er, wenn man es genau betrachtet, zu Uke und umgekehrt. Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass sich Uke, der nun Tori ist, nicht zur Wehr setzt.