Immer wieder erlebe ich im Training, wie Schüler versuchen, Technik zu erzwingen. Da kann man als Lehrer reden, wie man will, sie versuchen es immer wieder. Warum ist das so und was kann man dagegen tun? Ich will versuchen aufzuzeigen, warum das so ist und was dagegen getan werden kann. Ich erwarte nicht, jeden Punkt zu treffen, wer also Ergänzungen hat oder weitere Hinweise geben möchte – keine falsche Scheu, auch ich lerne gern dazu, immer und immer weiter.

Als Lehrer kannst Du nur reden, immer wieder Hinweise geben und selbst als Vorbild auftreten. Unbedingt gilt es zu vermeiden, den/die Schüler unter Leistungsdruck zu setzen. Natürlich sollte der Lehrer jeden einzelnen seiner Schüler anspornen immer bessere Leistungen zu erbringen. Doch zwischen Ansporn und Druck machen ist ein Unterschied. Druck erzeugt Gegendruck, gewollt oder ungewollt. Ansporn dagegen motiviert und Motivation erzeugt den Willen, etwas zu erreichen. Dabei ist die Grenze zwischen den beiden Dingen sehr schmal und es ist eine Kunst für sich, diese Linie nicht zu überschreiten. Ich zitiere an dieser Stelle Hatsumi Sensei, was er über seinen Lehrer Takamatsu sagte: „Er hat mich in all den Jahren nicht ein einziges Mal kritisiert. Ich fühlte, dass er mich mit der Liebe eines Großvaters zu seinem Enkel unterrichtet hat." Von dieser Perfektion als Lehrer sind die meisten von uns, die unterrichten, weit entfernt, doch sollten wir in jedem Training danach streben, einen winzigen, kleinen Schritt in Richtung dieser Perfektion zu gehen. Es ist nicht wichtig, dass wir diese Perfektion erreichen, wichtig ist allein unser Streben danach.

Die Haupt"arbeit" aber muss jeder Schüler selbst leisten, an sich, mit sich, in sich.
In der Schule haben unsere Eltern, wir, unsere Kinder gesagt bekommen – und das werden auch weitere Generation (leider) zu hören bekommen – wir lernen für uns selbst und fürs Leben. Nun ja, lesen, schreiben, rechnen – damit haben die Schullehrer wohl gerade noch recht, doch alles, was darüber hinaus geht, sollte jeder Mensch für sich selbst entscheiden. Da die Schüler dies jedoch nicht dürfen, sondern sich an den Lehrplan halten müssen, wird lernen zu nichts weiter als einer lästigen Pflicht, zu stupidem Auswendiglernen beliebiger Dinge, nur weil es einem Schulminister so gefällt. Selbständigkeit - völlige Fehlanzeige. Und – weitaus schlimmer – kaum jemand VERSTEHT, was er da lernt und warum. DAS genau darf im Training, beim Studium des Ninjutsu, nicht passieren.

Hier ein kurzes Zitat aus dem Artikel Versuch zu erklären, was Ninjutsu ist: „Ninjutsu ist die Kunst des ausdauernden Herzens oder die Kunst der Ausdauer und Beharrlichkeit ..."

Geduld, Ausdauer und Beharrlichkeit sind also die Schlüssel, welche uns die Tür zum Ninjutsu öffnen, nicht der Wunsch, möglichst schnell möglichst viel zu lernen. Jeder Schüler muss zunächst verstehen, dass es nicht darum geht, schnell, schnell, schnell seinen weißen oder grünen (roten) Gürtel gegen eine schwarze Bauchbinde zu tauschen. Die Farbe des Gürtels spielt keine Rolle. Letztendlich zeigt eine Graduierung doch nur das an, was ein Prüfer bei einem Test meint, dass der Schüler verstanden hat. Leider lassen sich viele Prüfer nur viele Formen, Techniken zeigen, gucken, ob der Prüfling diese als Folge von Bewegungen beherrscht und sind damit zufrieden. Hatsumi Sensei lässt sich nur einen Schlag zeigen und weiß, ob derjenige alles verstanden hat, was mit diesem Schlag in Zusammenhang steht. Es geht also nicht um das bloße Lernen von Formen, das Ziel ist es, zu verstehen, warum eine Form existiert und warum sie genau so gemacht wird. Und warum sie trotzdem bei jeder Demonstration immer ein wenig anders und warum sie bei einem anderen Lehrer noch anders aussieht. Und warum es trotzdem immer ein und dieselbe Form ist.
Und genau dies ist es, was beim Studium des Ninjutsu am Schwersten zu verstehen ist und warum Schüler zu Beginn des Studiums so langsam voran kommen und daher meinen, sie wären ZU langsam. Es geht nicht um eine Form, es geht um das PRINZIP, welches uns eine Form lehren will.
Ich habe während meiner Zeit im Bujinkan den Kihon Happo sicher schon ein Dutzend Mal gelernt, extrem oft zu Beginn meiner Zeit. Jedes Mal, wenn Steffen (Fröhlich, mein Lehrer) aus Japan zurück kam, habe ich von vorn anfangen müssen und ich habe Sensei und auch Steffen mit schöner Regelmäßigkeit mit jedem Fluch belegt, der mir eingefallen ist. Es hat sehr lange gedauert, bis ich verstanden hatte, dass wir zwar manche Bewegungen anders gemacht haben, das Prinzip hinter den acht Techniken sich jedoch nie verändert hatte. Ich für meinen Teil lerne schnell, mein Problem dabei ist, dass ich auch ebenso schnell vergesse. Habe ich jedoch einmal verstanden, worauf es ankommt, also das Prinzip erkannt, dann behalte ich das auch. Und nur darauf kommt es an – das Erkennen und Verinnerlichen des Prinzips.

Ich kenne einen (heutigen) Shihan, der bereits als Yondan eine hervorragend ausgefeilte Technik hatte, das Schwert zu ziehen. Ich weiß aber auch, dass er selbst mit dem neunten Dan noch nicht wusste, WARUM er das Schwert so zog, wie er es tat. Da Hatsumi Sensei ihm dann doch irgendwann den 10. Dan gegeben hat, gehe ich davon aus, dass er es heute endlich weiß.
Ich möchte nicht, dass meine Schüler ebenso an ihr Studium heran gehen.

Was hat das Ganze bisher geschriebene nun mit dem Thema des Artikels zu tun?
Dazu komme ich jetzt. Jeder muss zunächst analysieren, warum er ausgerechnet Ninjutsu lernen will. Dazu gehört, sich ehrlich mit den Erwartungen, die man an diese Kampfkunst hat, auseinanderzusetzen. Und dann selbst einschätzen, ob die Erwartungen und das, was einem ein potentieller Lehrer erklärt, zumindest teilweise in den wichtigsten Punkten übereinstimmen.
Und wenn der Schüler dann mit dem Training beginnt, sollte er eines haben, was in unserer heutigen hektischen Gesellschaft so selten ist: Geduld und Vertrauen. Geduld um wirklich gründlich zu lernen UND zu verstehen. Vertrauen um zu wissen, dass er es schafft. Vertrauen aber auch zu seinem Lehrer. Für den Schüler muss es in seinem Kopf ein Gesetz geben, welches er sich immer wieder verdeutlichen muss: Wenn sein Lehrer ihm etwas sagt, was ihm nicht gefällt, dann nicht, um ihn zu ärgern oder vor anderen bloß zu stellen (ja, solche Lehrer gibt es auch, von denen sollte man sich trennen oder sie selbst unterrichten), nein, der Lehrer will seinem Schüler helfen.

Der Schüler sollte unbelastet zum Training erscheinen. Er sollte sich frei machen vom täglichen Stress, von allem, was ihn den Tag über belastet. Wenn er zum Training erscheint, dann ausschließlich um des Trainings Willen. Jeder Wunsch, mit Hilfe des Ninjutsu vielleicht etwas zu erreichen, was anderen schadet, muss verschwinden. Jeglicher Egoismus, jeglicher Neid, jegliche Missgunst, jegliche Sucht nach schnellem Erfolg, all diese negativen Dinge müssen aus dem Kopf eliminiert werden.

Stattdessen sollte sich der Geist füllen mit Aufnahmebereitschaft, mit Freundschaft und mit Ruhe. Jeder Schüler muss seinen eigenen Weg finden, allgemeingültige Tipps gibt es nicht, kann es nicht geben. Jeder Mensch ist ein Individuum mit einzigartigen Mitteln und Wegen. Manch einer setzt sich einfach zehn Minuten zur Meditation, andere setzen sich einfach aufs Sofa und relaxen, wieder andere lesen, schauen Fernsehen, hören Radio ... was auch immer.
Wenn man es schafft, den Geist zu öffnen und die innere Ruhe herzustellen, dann kommt die körperliche Lockerheit von selbst. Wer sich vom Druck befreit, muss seinen Körper nicht verkrampfen, kann ihn ebenso entspannen wie seinen Geist. Ist der Geist frei und bereit, etwas Neues aufzunehmen, ist es auch der Körper.

Zum Schluss nochmals ein Zitat: "Das Ziel des Ninjutsu sollte es sein, eine gewisse Erleuchtung zu erfahren, welche bei manchen Menschen schon nach der ersten Unterrichtsstunde beginnt (oder bis zu einem gewissen Grad schon vorher vorhanden ist) und bei anderen das gesamte Leben dauert. Diese Erleuchtung ist vollkommen unabhängig von Alter oder Graduierung der einzelnen Person, sondern beruht ganz alleine auf dem Charakter und der persönlichen Entwicklung. Im Ninjutsu soll ein Weg des Miteinander aufgezeigt werden, ein Weg zum Erkennen des eigenen Ich."

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