Eine Betrachtung zu neuen Stilen und Schulen

In der Welt der Kampfkünste gibt es hunderte von Stilen, Unterstilen, Schulen. Niemand - behaupte ich jetzt einfach - ist in der Lage, diese alle zu erlenen. Meiner Meinung nach ist es sogar kaum zu schaffen, all diese Kampfkünste auch nur ansatzweise kennenzulernen. Dennoch gibt es immer wieder Menschen, denen dies nicht zu reichen scheint und die etwas Neues "erfinden" müssen bzw. meinen, dies zu müssen. Was nun kommt, ist nur und allein meine persönliche Meinung, diese erhebt weder Anspruch auf Richtigkeit noch muss sie von anderen geteilt werden. Es darf - und soll - mir auch gern jeder seine Meinung dazu sagen - entweder hier (wenn registriert) oder auch auf Facebook, ich werde einen Link zu diesem Artikel auch dort setzen.
Wie komme ich überhaupt auf dieses Thema? Nun - und das ist mir eigentlich sehr peinlich, als Mensch und ganz besonders als Lehrer - einer meiner ehemaligen Schüler hat es getan. Ich werde hier allerdings weder Namen nennen noch einen Link geben. Einerseits will ich solches nicht unterstützen, andererseits will ich ihm aber auch nicht die Chance nehmen, sein Ding durchzuziehen.
Ich habe auch lange überlegt, ob ich mich zu diesem Thema äußere. Im ersten Zorn und der Enttäuschung wollte ich direkt etwas schreiben, als ich davon erfahren habe, doch wenn ich eines im Leben gelernt habe: Schreibe/sage nichts wichtiges im Zorn, es kommt nichts vernünftiges, sinnvolles, nachvollziehbares dabei heraus. Das Thema lässt mir jedoch keine Ruhe und inzwischen bin ich wieder auf normalem Adrenalinstand und kann - hoffentlich - einigermaßen sachlich etwas dazu sagen.

Was kann jemanden veranlassen, in heutigen Zeiten einen neuen Stil zu gründen? Für mich gibt es dazu nur zwei mögliche Antworten:

1. Größenwahn
Wie in der Einleitung bereits gesagt, gibt es viele, viele Stile und Schulen. Ohne diese zumindest ansatzweise getestet zu haben, einen neuen Stil zu gründen, bedeutet doch, dass man all diese Schulen für untauglich hält - ohne sie zu kennen. Das kann nur Größenwahn sein.
2. Ungeduld
Ich denke, hier kommen wir der Sache näher. Jemand hat nicht die Geduld, zu lernen sondern will direkt der Chef vom Ganzen sein. Statt das kleine Einmaleins zu lernen, anschließend das große und schließlich seinen Abschluß zu machen, erfindet man eben mal schnell was Neues. Da kann man sich dann direkt Soke nennen, das klingt doch nach was, oder?

Ich habe Judo trainiert, Karate und gute 25 Jahre Bujinkan Ninpo Taijutsu, aber ich denke nicht ansatzweise, dass ich in der Lage wäre, nur aus diesen drei Stilen etwas Neues zu kreieren. Warum auch, es gibt für mich keinen nachvollziehbaren Grund dafür. Allein das Ninjutsu des Bujinkan wirklich komplett zu erlernen und - viel wichtiger - zu verstehen, ist eine Lebensaufgabe, ich werde es nicht schaffen.
Der ehemalige Schüler von mir ist ein sehr guter Techniker, hat immer mit viel Herz trainiert und schließlich selber ein Dojo geleitet. Und das war dann wohl auch der Auslöser: Es ging ihm alles nicht schnell genug. Und an der Stelle spreche ich ihm die Befähigung ab, Schüler zu unterrichten. Moment, falsch - Schüler in Techniken unterrichten ja, Schülern aber die Philosophie der Kampfkünste beizubringen, dazu sage ich ein ganz klares nein, das kann er nicht. Wie will jemand seinen Schülern Geduld und innere Ruhe erklären und beibringen, wenn er diese selbst nicht hat?
Eine Kampfkunst, welche ausschließlich auf Techniken beruht und keine Philisophie hat - oder diese Philosophie nicht auf innerer Ruhe und Kraft basiert, es muss nicht die fernöstliche Philosophie sein - kann nicht wirklich effektiv sein. Sie ist besser als gar keine Möglichkeit der Selbstverteidigung, sie wird jedoch kein ganzheitliches System werden. Sie beruht auf dem Gesetz des Stärkeren, nicht auf dem des Gerechteren. Es wird aber immer jemanden geben, der stärker ist.

Dazu kommt für mich die Frage, wie man einen Stil in seiner Effektivität testen will. Die alten Stile, welche es seit hunderten von Jahren gibt, wurden real getestet, es war einfach lebensnotwendig zu Zeiten, welche von Bürgerkriegen, Kriegen und Raubrittertum beherrscht wurden. Techniken, welche nicht wirklich effektiv waren, führten unter Umständen zum Tod. Von daher starben ineffektive Stile durch die "natürliche Auslese" ganz von selbst aus. Diese natürliche Auslese gibt es heutzutage - glücklicherweise - nicht mehr, was jedoch nicht heißt, dass diese finsteren Zeiten nicht wiederkehren könnten, der Mensch wird sein Wesen als Raubtier nicht auf Dauer in das eines friedlichen Wesens ändern. Und dann trägt ein Lehrer die Verantwortung dafür, wenn seinen Schülern wegen seiner Ungeduld etwas Vermeidbares an Verletzungen oder gar der Tod widerfährt.

Darüber machen sich jedoch scheinbar viele sogenannte Lehrer und selbsternannte Sokes keine Gedanken. Ihre Motivation liegt im schnellen Geld, das sie ihren Schülern aus der Tasche ziehen oder auch in ihrem Ego, welches sie befriedigen müssen oder auch in einer Kombination aus beidem. Bei meinem ehemaligen Schüler ist es wohl nur das Ego, welches ihn verblendet hat, geldgierig war er eigentlich nie.

Mir wurde gesagt, ich habe nichts falsch gemacht mit ihm und auch wenn mein Kopf das weiß, macht sich mein Herz dennoch Vorwürfe. Vielleicht findet er ja doch irgendwann auf den Weg der Kampfkünste zurück, ich hoffe es.

Ein letztes Wort zum Thema schneller Ruhm: Es gibt immer wieder in der Natur Bäume, die langsam wachsen und gedeihen sollten, jedoch durch natürliche Defekte viel zu schnell groß werden. Keiner dieser Bäume ist gesund, alle verfaulen von innen her und werden ebenso schnell sterben wie sie gewachsen sind.

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