Von Mamas, Lehrern, Sozialarbeitern und dem Zuhören

Vorweg: Mütter, die ihre Kinder bereits in unserem oder einem anderen Kampfkunstdojo ausbilden lassen, sind im folgenden Text nicht angesprochen. Es schadet aber nicht, wenn auch diese weiterlesen.

In meiner Kindheit und Jugend gehörte es noch zum guten Ton, dass man zugehört hat, wenn ein anderer sprach. Das galt, wenn jemand mit mir gesprochen hat, für mich. Das wurde aber auch umgekehrt praktiziert. Wenn ich mit einem Problem, völlig egal welcher Art, zu meinem Lehrer gegangen bin, hat der mir zugehört. Das er nicht in jedem Fall helfen konnte, mein Problem zu lösen, ist dabei zweitrangig, er hat mir aber zugehört und er hat mich aussprechen lassen. Wenn er dann geredet hat, habe ich zugehört und ihn aussprechen lassen.
Dieses Verhalten hat sich in den Jahren extrem verändert - und zwar in allen gesellschaftlichen Bereichen. Ich will hier aber im Umfeld bleiben, die große Weltpolitik sollen andere machen. Heute gibt es Meinungen und die scheinen unerschütterlich. Es wird sich nicht mehr die Meinung des anderen angehört, es wird nicht mehr wahrgenommen, dass der andere ein Problem hat, jeder scheint heute die Wahrheit für sich gepachtet zu haben.
Ich gestehe, auch ich hatte zwischenzeitlich solch eine Phase, habe meinen Lehrern und - schlimmer - meinen Schülern nicht zugehört sondern mehr oder weniger ununterbrochen meine Wahrheit gepredigt. Dann erinnerte ich mich an ein Ereignis aus meiner Anfangszeit als Kampfkunstlehrer und habe mein Verhalten überdacht. Ich will Euch erzählen, was damals vorgefallen ist.

In mein Training kam ein junger Mann, damals 15 Jahre alt und fragte höflich, ob er mitmachen dürfte. Ich kannte ihn vom Sehen und wusste, dass er nicht unbedingt ein unbeschriebenes Blatt war. Er prügelte sich, war respektlos, hatte eine große Klappe - alles, was man nicht unbedingt haben will und was in krassem Gegensatz zu seinem Auftreten stand, welches er im Moment seiner Frage an mich an den Tag legte. Damals hatte ich für mich selbst eine Regel - an die ich mich auch heute wieder halte - ich wollte wissen, warum jemand zum Training kommt, was er erwartet und was ich erwarten kann. Und er hatte eine Antwort, die mich beeindruckt hat, er sagte wörtlich: "Ich will endlich lernen, mich an Regeln zu halten." Das war die Antwort auf alle meine Fragen. Eine weitere meiner Regeln (für mich) sagt, alles, was bis heute war, ist nicht maßgebend, aber ab dem Moment, da ich einen Schüler annehme, hat er sich an meine Regeln zu halten, auch außerhalb des Trainings. Ich zeigte ihm also, wo er sich umziehen kann und er trainierte mit.

Etwa drei Wochen später erschienen plötzlich zwei Männer im Training. Sie nahmen sich nicht die Zeit, sich vorzustellen, von einem "Guten Tag" gar nicht zu reden sondern fingen sofort an, ich nenne es mal so, mich zu beschimpfen. Was ich mir denke, diesen Rowdy und Schläger mitmachen zu lassen, ich würde ihm nur noch mehr Gewalt beibringen, seine Opfer würden dann noch mehr leiden, er sei ein ganz schlimmer Finger, respektlos und unhöflich und gewalttätig. Und ich sah schon im Augenwinkel, wie der Junge zur Umkleide wollte, ich bedeutete ihm jedoch, er solle weitermachen. In einem Moment, als beide Herren endlich gleichzeitig Luft holen mussten, sagte ich "Guten Abend". Und jetzt waren beide kurz davor, zu ersticken. Ich nahm die Gelegenheit wahr um zu fragen, wer sie denn überhaupt wären. Und es stellte sich heraus, der eine war sein Klassenlehrer, der andere der für die Schule zuständige Sozialarbeiter. Letzterer war deutlich jünger als ich, hatte aber studiert und kannte das Leben natürlich ganz genau. Ich fragte ihn dann, ob es seine Erziehungsmethode ist, den Jugendlichen durch sein Beispiel zu zeigen, wie man sich nicht verhalten sollte, ob er zeigen wollte, wie hässlich und unangenehm es aussieht, wenn man ohne Gruß und ohne sich vorzustellen irgendwo reinplatzt, einen Aufstand macht und letztendlich nicht wirklich weiß, worum es geht? Der Lehrer schien gemerkt zu haben, dass er irgendwie bis zum Hals in einem Fettnapf stand. Der Sozialarbeiter allerdings explodierte nun, meinte, was ich mir einbilde und verstieg sich sogar darin, mir verbieten zu wollen, den Jungen weiter zu unterrichten. Es reichte mir, höflich aber bestimmt schob ich die beiden aus der Turnhalle. Mein Dojo - meine Regeln. Dem Sozialarbeiter gab ich dann noch mit, wenn er etwas über Höflichkeit und Kampfkunst lernen wolle, kann er gern als Schüler wiederkommen. Dem Lehrer war die ganze Situation nur noch unangenehm.
Anschließend ging ich dann zu dem jungen Mann und fragte, warum er in die Umkleide wollte. Er war der Meinung, ich würde ihn nun rauswerfen. Natürlich, das entsprach den Erfahrungen, die er bisher gemacht hatte, in der Schule, im Elternhaus, grundsätzlich. Ich fragte weiter, ob er den Auftritt der beiden Herren gut fand, ganz abgesehen davon, dass sie seinetwegen gekommen waren. Und er meinte, nein, peinlich, unhöflich, aber Erwachsene sind nunmal so. Ah ja, dann gelte ich wohl bei ihm nicht als Erwachsener? Doch, schon, aber als Ausnahme. Und ich fragte nun noch einmal, warum er zum Training gekommen ist. Und ich bekam dieselbe Antwort wie beim ersten Mal mit einem Zusatz: "Ich will mich an Regeln halten, ich will mich nicht beugen, ich will aber auch niemanden (mehr) vor mir beugen." Ich schickte ihn wieder zu seinem Trainingspartner und er blieb in der Gruppe.
Einige Monate später kam der Lehrer wieder in die Halle. Im ersten Moment dachte ich schon an einen weiteren unangenehmen Auftritt, doch weit gefehlt. Er kam, um sich bei mir und der ganzen Gruppe zu entschuldigen. Er ging sogar noch weiter und bedankte sich bei uns. Meinen Schülern (und auch mir) fielen fast die Augen raus vor Staunen. Er wollte sich dann noch kurz mit mir unter vier Augen unterhalten, ich tat ihm natürlich den Gefallen. Und er erzählte mir, dass der junge Mann seit er bei uns im Training war, nicht mehr wiederzuerkennen ist. Ja, er ließ sich auch weiterhin nicht alles gefallen, auch von Erwachsenen nicht, aber er klärte Meinungsverschiedenheiten mit Worten, mit höflichen und trotzdem konsequenten Worten. Er ist aber nie wieder wegen einer Schlägerei aufgefallen, hat nie wieder körperlich schwächere "abgezogen". Und er war in der Lage, Einsichten zu gewinnen, wenn er seine Meinung als nicht korrekt erkannt hatte, war bereit, sich selbst zu korrigieren und schaffte es auch, sich zu entschuldigen, wenn es angebracht war. Er ist kein Musterschüler geworden, zeigte jedoch deutlich bessere Leistungen als vorher. Und der Sozialarbeiter war an eine andere Schule versetzt worden.

Ok, das war nun ein besonders extremer Fall von Wandlung, das wird nicht immer und wenn, dann nicht so schnell funktionieren, er hatte selbst bereits erkannt, dass sein bisheriger Weg nicht der richtige war. Aber warum hat es überhaupt funktioniert? Weil ich dem jungen Mann zugehört habe und weil ich ihn respektiert habe, wie er war. Ja, ich weiß, Respekt muss man sich verdienen, ich denke aber, mit einem gewissen Grundrespekt sollte man jedem Menschen, jedem Lebewesen gegenübertreten.

Entscheidend aber ist ZUHÖREN, Informationen aufnehmen und verarbeiten. Niemand kann einem anderen helfen, weil er studiert hat und nun sein Wissen mit Gewalt allen anderen überstülpen will. Nein, helfen muss immer auf den Einzelfall bezogen sein, das setzt voraus, dass man das Problem kennt und erkennt. Dazu muss man den Gegenüber aussprechen lassen, sein Gehirn mit dem Gehörten füttern und dann versuchen, eine Lösung zu finden. Dabei spielt es keine Rolle, ob es Probleme im Training, mit den Eltern, mit der Freundin/dem Freund oder was auch immer im nahen oder weiteren Umfeld sind. Man sollte aber auch ehrlich genug sein und zugeben, wenn man nicht helfen kann, es geht nicht immer. Man kann aber sagen, wer vielleicht helfen kann. Und oft genug lösen sich Probleme in Nichts auf, nur weil jemand zugehört hat.

Und nun frage ich mich, warum sich ausgerechnet die Menschen, die doch für die Erziehung der Kinder und Jugendlichen zuständig sein sollen - Eltern, Lehrer, Sozialarbeiter - so schwer mit dem Zuhören tun? Ich verstehe es nicht. Man kann (als Lehrer, Sozialarbeiter) ein Leben lang studieren, kennt man das Problem nicht, kann man es nicht lösen. Man kann (als Eltern) seinen Kindern noch soviel Liebe geben, kennt man ihre Probleme nicht, kann man sie nicht lösen.

Und ganz genau so geht es mir, wenn ich einer Schule meine Hilfe anbiete. Die zuständigen Personen hören nur ein: "Kampfkunst". Die zweite Silbe "Kunst" verdrängen sie direkt und "Kampf" ist gleichbedeutend mit Gewalt. Würden sie sich nur zehn Minuten Zeit nehmen, sich anzuhören, was ich bieten kann, was Kampfkunst eigentlich bedeutet, worin mein (unser) Hauptanliegen besteht, könnten sie unter Umständen Wochen, Monate und Jahre an Aufwand sparen und so manche Knastkarriere vermeiden. Nein, es kommt einfach mal "Wir wollen nicht noch mehr Gewalt." Will ich auch nicht, deswegen biete ich meine Hilfe doch an. Eine unserer Grundregeln lautet nicht umsonst "Gewalt ist zu vermeiden." Manchmal, in hoffentlich seltenen Fällen, ist Gewalt aber nicht zu vermeiden. Ich unterrichte immer unter dem Gesichtspunkt der Gewaltvermeidung.
Nehmen wir ein typisches Mobbing-Opfer. Wie bewegt es sich? Geduckt, ängstlich sich umschauend, Blick zu Boden, Schultern hängend. Nach einigen Monaten Kampfkunsttraining sieht das ganz anders aus: aufrechter Gang, Blick nach vorn, nichts ängstliches mehr, Schultern und Rücken gerade. Nein, ich unterrichte nicht Körperhaltung, ich wecke das Selbstbewusstsein, gebe mentale Stärke. Dieses Kind, dieser Jugendliche strahlt nicht mehr aus, dass es ein Opfer ist. Es zeigt deutlich an, dass es ein Gegner ist. Und die Täter können mit Gegnern so gar nichts anfangen, die suchen nach Opfern. Der/die Betroffene ist ihrem Schicksal als Opfer entkommen ohne ein einziges Mal Gewalt anwenden zu müssen.
Zum Training gehört nicht nur Technik, Schlagen und Treten, viel wichtiger ist der Aufbau von Selbstbewusstsein, innerer Kraft, das Empfinden von Mitgefühl. In einem Kampfsport geht es ums Gewinnen, schon der Zweite in einem Turnier ist der erste Verlierer. In einer Kampfkunst geht es um das Leben in seiner Gesamtheit. Hier eine kleine Aufstellung, was das Kampfkunsttraining alles bietet, was von wenigen wahrgenommen wird (stammt von Thomas Stolz, Kuroi-Tora-Dojo). Da geht es zwar um den Beitrag, der zu zahlen ist, zeigt aber doch deutlich, worauf ich hinaus will.

Du nimmst Martial Arts Stunden?

Was Du und die meisten Anderen glauben, wofür Du zahlst:

  • Das man Dir beibringt, wie man tritt und schlägt ...

Wofür Du tatsächlich zahlst:

  • einen Life Coach
  • einen Psychologen
  • einen Mentor
  • für jemanden, der Dich inspiriert
  • für jemanden, der Dich unterstützt
  • für einen Problemlöser
  • für einen Stressbeseitiger
  • einen Personal Trainer und Ernährungsberater
  • für jemanden, der Dich ermutigt, an Dich zu glauben
  • für Verbesserung von Kraft, Ausdauer und Flexibilität
  • für Gewichtsregulierung und Wohlbefinden
  • für jemanden, der Dich ermutigt und Deine Kinder folgendes lehrt: Respekt, Geduld, Höflichkeit, Bescheidenheit, Disziplin, Beharrlichkeit, Emphatie, Zuhören, Aufmerksamkeit, Loyalität, Selbstkontrolle
  • für jemanden, der Dich lehrt, hart zu arbeiten und das Leben zu genießen
  • für jemanden, der Dich Verantwortung und Selbstverantwortung lehrt
  • für jemanden, der Dich ermutigt Ziele zu setzen und zu erreichen
  • für jemanden, der Dir hilft, emotionale Stärke und mentale Stabilität zu erreichen
  • für jemanden, der Dich in den Arm nimmt, wenn Du am Boden bist, der Dir aufhilft, wenn Du gefallen bist, Dich an Deinen Wert erinnert, Dir loyal zur Seite steht, wenn es niemand anderes tut
  • für jemanden, der Dich lehrt, gegen Unrecht anzukämpfen
  • Erfahrung, Wissen, Training, Ausrüstung, sichere Schule und jemand, der sein Herz und seine Seele in Dich investiert
  • für jemanden, der sein ganzes Leben trainiert hat, um Dich zu unterstützen

Glaubst Du immer noch, Du zahlst zuviel für Deinen Martial Arts Unterricht?
Würden ein Anwalt, ein Doktor, ein Zahnarzt, ein Handwerker, ein Ladenbesitzer, ein Psychologe oder ein Schneider all das kostenlos zu ihrem Service anbieten?

Wie gesagt, es geht dabei um den zu zahlenden Obulus. Wenn man das mal weglässt und darüber nachdenkt, wo man eine derartige Menge an Leistung ansonsten erhält ... ich denke, da fällt einem nicht viel bis nichts ein.

Zurück zum Thema: Warum sind Menschen, die studiert haben, so ignorant, die Kampfkünste auf treten und schlagen, also die Anwendung körperlicher Gewalt, zu reduzieren? Weil sie es nicht besser wissen, richtig. Sollte man aber nicht von solchen intelligenten Menschen erwarten können, dass sie sich informieren, bevor sie ein Urteil fällen? Meiner Meinung nach sollte man überhaupt nie etwas be- oder verurteilen, dafür sind ausschließlich Richter beim Gericht zuständig, aber das ist schon wieder ein anderes Thema. Oder mal so gefragt: Was wollen diese Menschen erreichen, indem sie Kinder und Jugendliche von der Kampfkunst fernhalten? Gewalt gehört zur Realität in der wir leben und jedes Jahr gibt es mehr davon und sie wird immer brutaler. Das Seltsame ist, das praktisch keiner von denen, die Gewalt ausüben, je mit den Kampfkünsten in Berührung gekommen ist. Und ja, es gibt auch in den Kampfkünsten Lehrer, die diesen Job besser nicht machen sollten. Da gibt es aber auch Möglichkeiten, vorher herauszufinden, ob der Lehrer seine Kunst auch selbst verstanden und verinnerlicht hat, man müsste dafür nur ein wenig Zeit aufwenden.

Abschließend kurz gesagt - besonders an Lehrer und Sozialarbeiter, aber auch zuständige Stellen in den Verwaltungen und ebenso an Mütter gerichtet - beschäftigt Euch mit dem, was Ihr ablehnt, bei so manchem werdet Ihr feststellen, dass Eure Ablehnung völlig ungerechtfertigt ist. Gebt Euern Kindern, Schülern und Klienten die Chance, der Opfer-, aber auch der Täterrolle zu entkommen. Richtet Workshops ein, eröffnet Schulprojekte, geht selbst mal in ein Dojo und wenn Ihr von dem enttäuscht seid, geht auch noch in ein zweites. Gebt den Kampfkünsten eine Chance, das Leben besser, sicherer zu machen und mit deutlich weniger Gewalt auszukommen.

Ach ja ... warum Mütter und nicht auch Väter? Weil Väter kommen, das Kind abliefern und wieder gehen. Wenn sie es wieder abholen, fragen sie - wenn überhaupt - nur kurz, ob noch alles dran ist. Mütter machen sich da eben viel mehr Gedanken, völlig zu Recht. Und deswegen möchte ich eben denen hier etwas geben, worüber sie nachdenken können und ihre Entscheidung, ihr Kind nicht zum Kampfkunsttraining zu lassen, vielleicht doch überdenken.

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